Native American: Totem-Pfähle: Was sie wirklich bedeuten und woher sie stammen
| |

Totem-Pfähle: Was sie wirklich bedeuten und woher sie stammen

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Totem-Pfähle gehören zu den bekanntesten Kunstwerken indigener Kulturen Nordamerikas. Man kennt sie aus Museen, Reisekatalogen und Kinderbüchern. Oft wird ihnen eine mystische oder religiöse Funktion zugeschrieben — sie seien Götzenbilder, Opferstätten oder magische Schutzpfeiler. Fast all das ist falsch. Totem-Pfähle sind in erster Linie narrative Kunstwerke: Sie erzählen Geschichten von Familien, Clans, Helden und Ahnen.

Um zu verstehen, was ein Totem-Pfahl wirklich ist, muss man die Kulturen kennen, aus denen er stammt — und lernen, zwischen dem historischen Objekt und seinen zahllosen modernen Verzerrungen zu unterscheiden.

Herkunft: Die Völker der Pazifikküste

Totem-Pfähle stammen aus den Kulturen der Nordwestküste Nordamerikas — einer Region, die sich von der heutigen Küste Alaskas über British Columbia in Kanada bis in den Norden des US-Bundesstaates Washington erstreckt. Zu den Völkern, die Totem-Pfähle schnitzen, gehören unter anderem die Haida, Tlingit, Tsimshian, Kwakwaka’wakw und Coast Salish. Diese Gemeinschaften lebten und leben in einem der reichsten ökologischen Räume des Kontinents — an einer Küste, die Lachs, Zedern und Ressourcenüberfluss bietet, der Zeit für eine komplexe materielle Kultur ließ.

Die Kunst des Schnitzens von Totem-Pfählen entwickelte sich über Jahrhunderte, erlebte aber im 18. und frühen 19. Jahrhundert eine besondere Blüte — paradoxerweise teilweise auch wegen des Handels mit europäischen Seefahrern, durch den Metallwerkzeuge in die Region gelangten und das Schnitzen erheblich erleichterten.

Was ein Totem-Pfahl erzählt

Ein Totem-Pfahl ist kein religiöses Symbol im westlichen Sinne und kein „Götze“ — er ist ein öffentliches Dokument. Vergleichbar mit einem Wappen oder einem Stammbaum erzählt er die Geschichte einer Familie oder eines Clans: welche Ahnen ihm angehören, welche Ereignisse in seiner Geschichte bedeutsam waren, welche übernatürlichen Wesen und Tiere mit diesem Clan verbunden sind.

Die Figuren auf dem Pfahl — Adler, Bär, Orca, Frosch, Rabe, Biber, Donnervogel — sind keine Götter, denen man betet. Sie sind Wappentiere, Ahnengeister oder Figuren aus Erzählungen, die die Identität des Clans beschreiben. Jedes Element hat eine spezifische Bedeutung, die in der mündlichen Überlieferung des betreffenden Volkes verankert ist.

Totem-Pfähle wurden für verschiedene Anlässe errichtet: als Gedenkpfähle für Verstorbene, als Ehrenpfähle für Häuptlinge, als Schamdpfähle (die eine Schuld oder Beleidigung öffentlich machten), als Teil von Eingangspforten oder als freistehende Denkmäler. Der Begriff „Totem“ selbst stammt übrigens aus dem Ojibwe — odoodem — und bezeichnet dort ein Clantier. Die Verwendung des Begriffs für die Pfähle der Nordwestküstenvölker ist eine westliche Verallgemeinerung.

Das Potlatsch-Fest und die soziale Funktion

Viele Totem-Pfähle wurden im Zusammenhang mit dem Potlatsch errichtet — einem zentralen Fest der Nordwestküstengesellschaften. Das Potlatsch ist eine öffentliche Feier, bei der ein Gastgeber seinen Status und Reichtum demonstriert, indem er Güter an seine Gäste verteilt und verschenkt. Umso mehr ein Häuptling geben konnte, desto höher war sein Ansehen.

Die kanadische Regierung verbot das Potlatsch-Fest 1885 — mit weitreichenden Folgen für die Nordwestküstenkulturen, da es ein zentrales Element ihres sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens war. Das Verbot wurde erst 1951 aufgehoben. In dieser Periode gingen viele Totem-Pfähle verloren — sie verrotteten, wurden zerstört oder von Museen und Sammlern entfernt.

Heute wird das Schnitzen von Totem-Pfählen als lebendige Kunstform gepflegt. Viele indigene Künstler an der Nordwestküste widmen sich der Weitergabe dieses Wissens und schaffen neue Werke, die traditionelle Formen mit zeitgenössischen Inhalten verbinden.

Die Frage der Rückgabe

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Hunderte von Totem-Pfählen aus ihren Heimatgemeinschaften entfernt und in Museen in Europa und Nordamerika gebracht. Heute führen viele dieser Gemeinschaften aktiv Verhandlungen über die Rückgabe ihrer Kulturgüter. Einige Museen haben Pfähle zurückgegeben — ein Prozess, der in der internationalen Debatte über koloniale Museumssammlungen eine zunehmend wichtige Rolle spielt.

Für die Haida, Tlingit und andere Nordwestküstenvölker sind diese Pfähle keine toten Objekte in Glasvitrinen. Sie sind Teil des Familiengedächtnisses, des kulturellen Erbes und des sozialen Gefüges lebender Gemeinschaften.


Häufige Fragen zu Totem-Pfählen

Sind Totem-Pfähle religiöse Objekte?

Nein, nicht im westlichen Sinne. Totem-Pfähle sind narrative Kunstwerke, die Familiengeschichten, Clanzugehörigkeiten und wichtige Ereignisse dokumentieren. Sie sind keine Götzenbilder und keine Gebetsstätten.

Welche Völker schnitzen Totem-Pfähle?

Totem-Pfähle stammen aus den Kulturen der Nordwestküste Nordamerikas, darunter Haida, Tlingit, Tsimshian und Kwakwaka’wakw. Sie sind kein allgemeines Symbol aller indigenen Völker Nordamerikas.

Was bedeuten die Tiere auf einem Totem-Pfahl?

Die Tiere sind Wappentiere, Ahnengeister oder Figuren aus Clanserzählungen. Ihre Bedeutung ist spezifisch für die jeweilige Familie oder Gemeinschaft und in der mündlichen Überlieferung verankert.

Werden Totem-Pfähle noch heute geschnitzt?

Ja. Das Schnitzen von Totem-Pfählen ist eine lebendige Kunstform an der Nordwestküste. Viele indigene Künstler widmen sich der Weitergabe dieser Tradition und schaffen neue Werke für zeremonielle und kulturelle Anlässe.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und Bildung.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert