Native American: 🎬 Pocahontas in der Popkultur – Filme, Bücher & Musik: 400 Jahre Mythos, Missverständnis und Wahrheit

🎬 Pocahontas in der Popkultur – Filme, Bücher & Musik: 400 Jahre Mythos, Missverständnis und Wahrheit

Matoaka – die Frau, die die Welt als Pocahontas kennt – starb 1617 in Gravesend, England. Sie war ungefähr 21 Jahre alt. Kaum vier Jahrhunderte später ist ihr Name auf jedem Kontinent bekannt: als Zeichentrickfigur, als Rocksong, als akademische Debatte, als politisches Schimpfwort und als Symbol für alles, was die Beziehung zwischen indigenen Völkern und der westlichen Welt falsch läuft. Kein anderer Name der indigenen Geschichte Nordamerikas wurde häufiger benutzt – und seltener wirklich verstanden. Dieser Artikel führt durch 400 Jahre Pocahontas-Popkultur: chronologisch, kritisch und mit Blick darauf, was jede Darstellung über ihre eigene Zeit verrät – nicht über Matoaka.

🖼️ Der Mythos beginnt: 17. bis 19. Jahrhundert

Die ersten Bilder – Koloniale Propaganda als Kunst

Das erste bekannte Porträt von Pocahontas entstand 1616 in London – ein Kupferstich von Simon van de Passe, der sie in englischer Hofkleidung zeigt, mit der Inschrift: „Matoaka als Rebecca, Tochter des mächtigen Fürsten Powhatan.“ Das Bild war keine Hommage – es war Propaganda. Die Virginia Company ließ es anfertigen, um englische Investoren zu überzeugen: Seht, die Wilden lassen sich zivilisieren.

Dieses Bild etablierte das Muster, das alle folgenden Darstellungen prägen würde: Pocahontas nicht als Matoaka, nicht als Ndé-Frau, nicht als Opfer – sondern als Brücke zwischen den Welten, als Symbol der freiwilligen Assimilation. Ein Bild, das Gewalt unsichtbar macht, indem es Transformation als Triumph erzählt.

Das Gemälde im US-Kapitol (1840)

Im Jahr 1840 enthüllte der Maler John Gadsby Chapman sein monumentales Werk „Baptism of Pocahontas“ in der Rotunde des US-Kapitols – wo es bis heute hängt. Es zeigt die Taufe Rebeccas, umgeben von englischen Würdenträgern, kniend und ergeben. Das Bild war ein politisches Statement zur Zeit der Indianerumsiedlungspolitik unter Andrew Jackson: Es sagte dem Betrachter – Christianisierung ist das Beste, was einem Indigenen passieren kann. Kein Bild verkörpert die koloniale Vereinnahmung von Matoakas Geschichte deutlicher.

Frühe Literatur: Das 19. Jahrhundert erfindet die Heldin

Im 19. Jahrhundert begann die anglo-amerikanische Literatur, Pocahontas systematisch zur Nationalheldin zu stilisieren:

  • John Davis: Travels in the United States of America (1803) – einer der ersten Romane, der die Liebesgeschichte zwischen Pocahontas und John Smith ausschmückt. Davis erfand Details frei, die später als historisch galten.
  • Lydia Sigourney: Langes Gedicht Pocahontas (1841) – glorifiziert sie als edles Opfer, das sich für die weiße Zivilisation hingibt. Typisch viktorianische Heroisierung.
  • John Esten Cooke: My Lady Pokahontas (1885) – erster explizit romantischer Roman, der die Liebesgeschichte mit Smith als Haupthandlung etabliert. Historische Grundlage: null.

All diese Werke teilen dieselbe Funktion: Sie verwandeln eine Entführte in eine Freiwillige, ein Trauma in eine Liebesgeschichte, eine Kolonialisierte in eine Verbündete. Der Mythos Pocahontas ist immer ein Spiegel seiner Entstehungszeit – nie ein Spiegel von Matoaka.

🎬 Film: Von der Stummfilm-Ära bis Terrence Malick

Die frühen Filmversionen (1908–1953)

Pocahontas war schon im frühen Kino ein Stoff. Bereits 1908 produzierte die Edison Manufacturing Company einen Kurzfilm über sie – einer der ersten indigenen Stoffe überhaupt im amerikanischen Kino. Es folgten zahlreiche Stummfilm- und frühe Tonfilm-Versionen, alle mit denselben Grundzutaten: weißhäutige Schauspielerinnen in Federkostümen, sentimentale Liebesgeschichte, christliches Happy End.

Bemerkenswert: „Captain John Smith and Pocahontas“ (1953), Regie Lew Landers – ein B-Western, der Pocahontas (gespielt von Jody Lawrance) vollständig in die Konventionen des Hollywood-Westerns einbettet. Sie ist schön, stumm und dankbar. John Smith ist der Held. Das Jahr: 1953 – mitten in der McCarthyÄra, in der die romantisierende Darstellung des „edlen Wilden“ als politisch harmloser Sicherheitsventil für das schlechte Gewissen diente.

Disney (1995) – Der Film, der alles definierte

Am 23. Juni 1995 startete Walt Disney’s „Pocahontas“ in den US-amerikanischen Kinos – und veränderte die Popkultur dauerhaft. Budget: 55 Millionen Dollar. Einspielergebnis: über 346 Millionen Dollar weltweit. Auszeichnungen: zwei Oscars (Bester Filmsong, Beste Filmmusik), ein Golden Globe, ein Grammy.

Der Film wurde von über 55 Animatoren gestaltet, die sich an historischen Quellen und – laut Disney – an Beratungen mit indigenen Gruppen orientierten. Das Ergebnis war visuell atemberaubend und inhaltlich, wie wir wissen, eine Katastrophe. Aber es lohnt sich, den Film jenseits der Fehler zu betrachten: Er war der erste Disney-Animationsfilm mit einer realen historischen Person als Hauptfigur, der erste mit einem explizit antikolonialen Subtext und der einzige aus der Renaissance-Ära, der kein Happy End bot.

Die Stimme der Pocahontas im Original: Irene Bedard (Métis/Inuit) – eine der ersten indigenen Hauptdarstellerinnen in einem großen Hollywood-Produkt. Ihr Gesicht diente als Vorlage für die Animation. Sie selbst bezeichnete die Zusammenarbeit später als „gemischt“ – stolz auf die Sichtbarkeit, besorgt über die historischen Verfälschungen.

Der Film produzierte mit „Colors of the Wind“ (gesungen von Vanessa Williams) einen der meistgehörten Songs der 1990er Jahre – Platz 4 der US-Charts, Oscar-Gewinner, Grammy-Gewinner, über 2,3 Millionen Soundtrack-Verkäufe allein in den letzten Monaten von 1995.

„Pocahontas II: Reise in eine neue Welt“ (1998)

Die Direct-to-Video-Fortsetzung erzählt Pocahontas‘ Reise nach England und ihre Beziehung zu John Rolfe – und ist damit näher an historischen Ereignissen als der erste Film, obwohl die Darstellung weiterhin stark romantisiert. Interessant: Im zweiten Film „entscheidet“ sich Pocahontas für John Rolfe statt für John Smith. In der Realität: keine freie Wahl, keine zwei rivalisierenden Liebhaber – nur Zwang und Verlust.

„The New World“ – Terrence Malick (2005)

Terrence Malicks „The New World“ (2005) ist das Gegenprogramm zu Disney – und der künstlerisch bedeutsamste Pocahontas-Film überhaupt. Mit Q’orianka Kilcher (Quechua/Huachipaeri-Abstammung) in der Hauptrolle erzählt Malick die Geschichte ohne Dialog-Kitsch, dafür mit poetischer Bildsprache, Stille und einer Melancholie, die dem historischen Stoff näherkommen will als jede andere Verfilmung.

Kilcher war bei Drehbeginn 14 Jahre alt – dasselbe Alter wie die echte Pocahontas beim Zeitpunkt einiger der im Film dargestellten Ereignisse. Das war eine bewusste Entscheidung Malicks. Der Film zeigt die Entfremdung, die Verlorenheit, die stille Verzweiflung einer jungen Frau zwischen zwei Welten – Themen, die Disney komplett ignorierte.

Kritiken: gespalten bis begeistert. Roger Ebert gab dem Film vier von vier Sternen und schrieb: die Geschichte enthält Fragen über grundlegende menschliche Herausforderungen wie die Koexistenz von Kulturen – auch als unerfüllte Ideale besser als der alte Fluch der Zerstörung von Kulturen.

Kilcher selbst nutzte die Aufmerksamkeit für ihren Aktivismus für indigene Rechte und wurde zu einer der sichtbarsten jungen indigenen Stimmen Hollywoods.

Weitere Filmdarstellungen

  • „Pocahontas: The Legend“ (1995, Kanada) – Low-Budget-Realfilm, kurz vor dem Disney-Blockbuster erschienen, historisch kaum akkurater, aber mit weniger Mythos-Budget.
  • „Pocahontas: Dove of Peace“ (2016) – christliches Doku-Drama des Christian Broadcasting Network, das die Konversionsgeschichte glorifiziert.
  • Zahlreiche Dokumentarfilme des Smithsonian Channel und des Bayerischen Rundfunks beleuchten die historische Pocahontas – empfehlenswert als Korrektiv zu den Spielfilmen.

📚 Literatur: Vom Kolonialmythos zur postkolonialen Kritik

Klaus Theweleit: „Der Pocahontas-Komplex“ (1988/2002)

Der deutsche Kulturtheoretiker Klaus Theweleit (Goethe-Universität Frankfurt, Autor von Männerphantasien) hat Pocahontas zum Zentrum eines brillanten kulturtheoretischen Projekts gemacht: „Buch der Könige“ (1988) und der Folgeband „Pocahontas II – Buch der Königstöchter“ (2002). Theweleit analysiert das Muster der Pocahontas-Geschichte – die Tochter des Häuptlings, die den Eroberer liebt und rettet – als universales Kolonialismussymbol, das sich durch Jahrtausende von Medea bis Sacagawea zieht.

Seine Kernthese: Pocahontas ist kein historisches Individuum mehr, sondern ein „Komplex“ – ein wiederkehrendes kulturelles Muster, in dem das Kolonialprojekt als romantische Liebesgeschichte erzählt wird, die unterworfene Frau als Verbündete der Zivilisation erscheint und Gewalt zu Zuneigung umgedeutet wird. Das Werk ist über 700 Seiten lang, schwierig zu lesen – und unersetzlich.

„The True Story of Pocahontas“ – Custalow & Daniel (2007)

Das wichtigste Gegenbuch zu allem Genannten: Dr. Linwood „Little Bear“ Custalow (Ältester der Mattaponi) und Angela L. Daniel veröffentlichten 2007 die erste umfassende Darstellung der mündlichen Überlieferung der Mattaponi-Tribe zu Matoakas Leben. Es ist die einzige Quelle, in der die Powhatan-Perspektive systematisch dokumentiert ist – und sie weicht in nahezu jedem Detail von der englischen Version ab.

Belletristik und Jugendliteratur

  • Joseph Bruchac (Abenaki): Pocahontas (2003) – Jugendroman, der die Geschichte abwechselnd aus Matoakas und John Smiths Perspektive erzählt. Bruchac ist selbst indigen und versucht, der Geschichte Würde zurückzugeben.
  • Pamela Jekel: Pocahontas (1994) – historischer Roman, der kurz vor dem Disney-Film erschien und die Geschichte als episches Liebesdrama erzählt – besser recherchiert als Disney, aber im Kern denselben Romanzen verhaftet.
  • Susan Donnell: Pocahontas (1991) – Familienroman aus der Perspektive fiktiver Nachfahren, interessanter Ansatz zur Aufarbeitung des Erbes.

🎵 Musik: Von Neil Young bis Vanessa Williams

Neil Young: „Pocahontas“ (1979)

Das stärkste und komplexeste Pocahontas-Lied der Popgeschichte ist kein Disney-Song – es ist ein Folk-Rock-Stück von Neil Young aus dem Album Rust Never Sleeps (1979). Youngs „Pocahontas“ ist ein surreales, dreistrophiges Gedicht: Es beginnt mit einem nächtlichen Massaker an einem indigenen Dorf („They killed us in our teepees / And they cut our women down“), wechselt dann in eine traumhafte Vision, in der Pocahontas und Marlon Brando am Lagerfeuer sitzen – und endet mit dem Erzähler, der wünscht, er könnte dasselbe erleben.

Das Lied ist alles andere als einfach: Es romantisiert und kritisiert gleichzeitig, es benutzt Pocahontas als Symbol und stellt diese Verwendung in Frage. Kritiker haben es als eines der intellektuell ehrlichsten popkulturellen Auseinandersetzungen mit dem Pocahontas-Stoff bezeichnet. Brando – der 1973 den Oscar für Der Pate abgelehnt hatte, um auf die Behandlung indigener Völker hinzuweisen – erscheint hier als idealer Gesprächspartner für Pocahontas.

Vanessa Williams: „Colors of the Wind“ (1995)

Der Disney-Song schlechthin: Vanessa Williams sang die Außenversion von „Colors of the Wind“ (Alan Menken / Stephen Schwartz) – Platz 4 der US-Charts, Oscar für den besten Filmsong, Grammy-Gewinner. Der Song wurde zur Hymne einer Generation und vermittelt bis heute das Bild von Pocahontas als ökologischer Visionärin.

Ironisch: Williams, als Schwarze Frau, sang die Stimme einer indigenen Frau in einem Film, der diese Frau falsch darstellt – eine mehrfach gebrochene Repräsentationslage, die damals kaum diskutiert wurde und heute als Lehrstück gilt.

Jon Secada & Shanice: „If I Never Knew You“ (1995)

Das Liebesduo aus dem Disney-Film, gesungen von Jon Secada und Shanice, wurde ebenfalls ausgekoppelt und erreichte gute Chartpositionen. Es ist das emotionale Herz des Films – und inhaltlich seine fragwürdigste Aussage: eine Liebesgeschichte zwischen einem 27-jährigen Soldaten und einem Kind als romantisches Ideal.

Weitere musikalische Referenzen

  • Stevie Wonder: Der Song „Black Man“ (1976, Album Songs in the Key of Life) ehrt Pocahontas explizit als eine der prägenden Figuren der amerikanischen Geschichte – aus einer afroamerikanischen Perspektive, die Pocahontas als Widerstandssymbol liest.
  • Ted Nugent: Das umstrittene Album „Scream Dream“ (1980) enthält eine Instrumentalnummer namens „Pocahontas“ – eher bizarre Rock-Aneignung ohne historischen Tiefgang.
  • Buffy Sainte-Marie: Obwohl sie kein Lied direkt über Pocahontas schrieb, ist ihr Werk „Now That the Buffalo’s Gone“ (1964) das musikalische Gegenstück zum Pocahontas-Mythos: ein Klagelied für das, was Kolonisierung wirklich bedeutete.
  • Rapsoul: Der deutsche Hip-Hop-Künstler Rapsoul veröffentlichte „Pocahontas“ als romantischen Track – typische Weiternutzung des Namens als Metapher für eine exotische, geheimnisvolle Frau. Ein Beispiel dafür, wie tief der Mythos auch in die deutsche Popkultur eingedrungen ist.

🎭 Theater, Musical und andere Kunstformen

Zitkála-Šás „Sun Dance Opera“ (1913) – das Gegenprogramm

Während die weiße Kulturindustrie Pocahontas als Projektionsfläche benutzte, schrieb die Lakota-Aktivistin und Komponistin Zitkála-Šá 1913 die erste von einer Native American komponierte Oper – „The Sun Dance Opera“. Kein Pocahontas-Stoff, aber das genaue Gegenteil des kolonialen Mythos: indigene Spiritualität auf der Konzertbühne, selbstbestimmt und unkompromittiert.

Das Kapitol-Gemälde als politisches Kampffeld

John Gadsby Chapmans „Baptism of Pocahontas“ (1840) hängt bis heute in der Rotunde des US-Kapitols – neben Gemälden der Gründerväter. Indigene Aktivisten haben mehrfach gefordert, es zu entfernen oder zumindest durch ein Gegenbild zu ergänzen. Es blieb. Es ist damit das Symbol dafür, dass der koloniale Pocahontas-Mythos nicht nur in der Popkultur, sondern im buchstäblichen Herz der amerikanischen Demokratie verankert ist.

Trump und „Pocahontas“ als politisches Schimpfwort (2016–2020)

Eine der verstörendsten Kapitel der Pocahontas-Popkultur: US-Präsident Donald Trump benutzte ab 2016 den Namen „Pocahontas“ regelmäßig als Spitzname für die demokratische Senatorin Elizabeth Warren, die indigene Vorfahren geltend gemacht hatte. Der Name war als Beleidigung gemeint – gleichzeitig eine Beleidigung Warrens und aller indigenen Völker, deren Geschichte auf eine politische Waffe reduziert wurde.

Die National Congress of American Indians protestierte offiziell. Cherokee-Vertreter stellten klar: Die Benutzung eines indigenen Namens als Schimpfwort ist eine Form von Rassismus. Das Beispiel zeigt, wie tief der Pocahontas-Mythos in das politische Bewusstsein eingesickert ist – und wie wenig er mit der historischen Person zu tun hat.

✅ Praktische Weisheit: Wie du Pocahontas in der Popkultur kritisch konsumierst

  1. Frage immer: Wessen Perspektive fehlt? Bei jedem Film, Lied oder Buch über Pocahontas: Wer hat es gemacht? Wessen Stimme ist nicht zu hören? Die Mattaponi-Perspektive fehlt in fast allen Darstellungen.
  2. Nutze Disney als Einstieg, nicht als Endpunkt. Der Film ist wunderschön animiert. Er kann der Beginn eines Interesses sein – aber er sollte nicht das letzte Wort haben.
  3. Sieh „The New World“ (2005). Terrence Malicks Film ist anspruchsvoll, langsam und poetisch – und damit der bisher ehrlichste Versuch, Matoakas Geschichte auf der Leinwand zu erzählen.
  4. Höre Neil Youngs „Pocahontas“. Drei Minuten Folk-Rock, die mehr über den Mythos aussagen als viele akademische Aufsätze.
  5. Lies Custalow & Daniel. The True Story of Pocahontas (2007) ist die einzige Quelle, die die Mattaponi-Überlieferung systematisch dokumentiert. Auf Englisch, aber unverzichtbar.
  6. Erkenne Pocahontas als politisches Werkzeug. Ob koloniale Propaganda (1616), Hollywood-Western (1953), Disney (1995) oder Trump-Schimpfwort (2016): Jede Verwendung des Namens ist ein politischer Akt. Die Frage ist immer: Wem nützt diese Darstellung?
  7. Unterstütze die heutigen Mattaponi und Pamunkey. Die Nachfahren von Pocahontas‘ Volk leben in Virginia und kämpfen für Landrechte und kulturelle Anerkennung – und werden in keiner Popkultur-Version erwähnt.

❓ Häufige Fragen zu Pocahontas in der Popkultur

Welcher Pocahontas-Film ist historisch am genauesten?
„The New World“ (2005) von Terrence Malick kommt der historischen Wirklichkeit am nächsten – mit bewusster Besetzung einer jungen indigenen Darstellerin (Q’orianka Kilcher), ohne romantisierende Sprache und mit einem Fokus auf Entfremdung statt Liebe. Dennoch bleibt auch dieser Film eine Interpretation, keine Dokumentation.

Was bedeutet „Colors of the Wind“ wirklich?
Der Song von Alan Menken und Stephen Schwartz ist ein westliches Lied über eine idealisierte Vorstellung indigener Naturverbundenheit – keine Übersetzung oder Adaptation einer echten Powhatan-Überlieferung. Er spiegelt die ökologische Romantik der frühen 1990er Jahre, nicht die Kosmologie der Powhatan.

Warum benutzte Trump den Namen „Pocahontas“ als Beleidigung?
Trump benutzte den Namen, um Senatorin Elizabeth Warren wegen ihrer angeblich erfundenen indigenen Abstammung zu verspotten. Die Benutzung eines indigenen Namens als Schimpfwort ist rassistisch – sie reduziert eine historische Person und ein ganzes Volk auf ein politisches Klischee. Der National Congress of American Indians protestierte offiziell dagegen.

Welches ist das beste Buch über Pocahontas?
Für historische Tiefe: The True Story of Pocahontas von Custalow & Daniel (2007) – die Mattaponi-Überlieferung. Für kulturtheoretische Einordnung: Klaus Theweleits „Pocahontas II – Buch der Königstöchter“ (2002). Für zugängliche Geschichte: Helen C. Rountrees Pocahontas, Powhatan, Opechancanough: Three Indian Lives Changed by Jamestown (2005).

Wer hat Pocahontas im Disney-Film gesprochen?
Die englische Original-Stimme kam von Irene Bedard (Métis/Inuit), ihr Gesicht diente als Animationsvorlage. Den Gesangspart übernahm Judy Kuhn (weiße Amerikanerin). Diese Trennung – indigenes Gesicht, weiße Stimme für den Gesang – ist selbst ein Symbol für die halbherzige Inklusivität des Films.

Gibt es Pocahontas-Darstellungen von indigenen Künstlern selbst?
Ja – aber wenige sind global bekannt. Roxanne Swentzell (Santa Clara Pueblo) hat Skulpturen geschaffen, die den Mythos dekonstruieren. Kent Monkman (Cree/Irish) malt provokante Bilder, die koloniale Kunstgeschichte umkehren. Und die Mattaponi selbst hüten ihre Überlieferung als lebendige Gegenerzählung.

🎬 Fazit: 400 Jahre Spiegel – und immer noch kein Fenster

Pocahontas in der Popkultur ist nicht die Geschichte von Matoaka. Sie ist die Geschichte dessen, was jede Epoche in Matoaka hineinprojiziert hat: koloniale Legitimation im 17. Jahrhundert, romantischer Nationalismus im 19., ökologische Sehnsucht im 20., politischer Zynismus im 21. Jede Darstellung sagt mehr über die Zeit ihrer Entstehung als über die Frau, die 1617 in Gravesend starb.

Der Unterschied zwischen einem Spiegel und einem Fenster: Ein Spiegel zeigt uns uns selbst. Ein Fenster zeigt uns etwas anderes. Popkultur hat Pocahontas fast immer als Spiegel benutzt. Was wäre, wenn wir sie endlich als Fenster benutzen würden – als Fenster in eine Geschichte, die wir noch nicht vollständig kennen, weil wir nie aufgehört haben, über sie zu reden, und nie begonnen haben, ihr zuzuhören?

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